Auszug einer Stelle aus einer ziemlich selten gewordnen Schrift, welche der selige Bartholomäus Ziegenbalg, dänischer Missionar unter den Malabaren in Ostindien auf dem Ocean unter dem Titel: Schule der wahren Weisheit ec. geschrieben, und welches 1710 in Leipzig mit einem Zeugnisse der theologischen Facultät gedruckt worden.
Es ist Gott ein wunderbarer Gott, und pflegt oft auf der Welt also zu regieren, daß sich die Menschen nicht wohl darein zu schicken wissen, und es allezeit weit besser zu machen gedenken, wenn sie an seiner Statt das Regiment führen sollten. Dahero wird oftmals seine Weisheit von den unverständigen Menschen für die größte Thorheit angesehen, und er muß täglich diesfalls getadelt, gerichtet, und geurtheilet werden, daß mancher gedenken sollte, seine Geschöpfe, die solches thun, wären weit klüger, weiser und verständiger als er selbsten, der ihnen doch sowohl Leib und Seele, als auch alle Fähigkeit des Verstandes zu ihrem Erkenntniß mitgetheilet hat.
Wie aber also Gott, der einzige Ursprung aller Weisheit, ein wunderbarer Gott ist; also sind auch alle wahre Besitzer seiner göttlichen Weisheit rechte Wunderkinder, die da von Gott in der Welt sehr wunderlich geführet werden, und dahero selbige ein wunderliches Volk zu seyn scheinen, das da ganz nicht sich recht in die Leute zu schicken, und ihrer Gunst zu bedienen wisse. Ihre Weisheit sehen sie für Thorheit an, und ihre Glückseligkeit für das allergrößte Elend: Ja, weil sie auch in allen Stücken den Weltgesinnten Menschen contrair sind, und ihnen um deswillen sehr verdrüßlich fallen; so werden sie gemeiniglich von ihnen zugleich auf allerhand Art und Weise gehasset und verfolget.
Dergleichen Fata sehen wir nun an allen denjenigen Besitzern der wahren Weisheit, deren Gedächtniß uns in dem Wort Gottes zur steten Erinnerung ist hinterlassen worden. Habel und Cain wurden beyderseits von ihrem Vater treulich in der wahren Weisheit unterrichtet: Cain aber wollte der Lehre seines Vaters nicht gehorsam seyn, noch auf demjenigen Wege der Weisheit gebührendermaßen einher gehen, der ihm gezeigt wurde; Weswegen Gott an ihm ein großes Mißfallen hatte, und ihn nach der Thorheit seines Sinnes dahin gehen ließ. Habel aber folgte hierinnen der guten Unterweisung seines Vaters, und nahm dermaßen zu an der wahren Weisheit, daß um deswillen Gott ein sonderliches Wohlgefallen an ihm hatte. Was begegnete ihm aber darauf? Siehe, sein Bruder Cain fing ihn an zu hassen, und verfolgete ihn so lange, bis er ihn endlich, nach göttlicher Zulassung, ertödtete; ohnfehlbar, weil er ihn über seiner Thorheit wird bestrafet, und zur Annehmung der wahren Weisheit vermahnet haben, also, daß ihm solches nebst seinem heiligen und Gottwohlgefälligen Leben, ganz unerträglich gewesen ist. 1. B. Mos. 4, 1.
Noah war ein lieber Freund Gottes, und ein getreuer Schüler der wahren Weisheit. Von ihm gibt die heil. Schrift dieses Zeugniß: wurde aber eben deswegen, mit Verkündigung der zukünftigen Sündfluth, von jedermann für einen Narren gehalten, und niemand wollte sich durch sein Predigen zur wahren Buße bewegen lassen, sondern wurden, ihm zum Verdruß, nur desto wilder und frecher, wie Christus von ihnen saget, Luc. 17, 26. 27. Sie aßen, sie trunken, sie freyeten, sie ließen sich freyen, bis auf den Tag, da Noah in die Arche ging, und kam die Sündfluth, und brachte sie alle um. Loth war gleichfalls nebst Abraham, seines Vaters Bruder, ein getreuer Freund und Besitzer der wahren Weisheit. Durch sie beyde suchete Gott dazumal die unter den Menschenkindern vergessene wahre Weisheit wiederum ans Licht zu bringen, und in der Welt bekannt zu machen. Aber eben deswegen mußte Abraham von Gott auf vielfältige Weise versucht und geprüfet werden. Loth suchten diejenigen, welchen er den rechten Weg des Lebens zeigen wollte, anstatt der Dankbarkeit, lauter Tort und Verdruß anzuthun; wie wir lesen 2. Petr. 2, 7. 8. Und hat erlöset den gerechten Loth, welchem die schädliche Leute alles Leid thäten mit ihrem unzüchtigen Wandel. Denn, dieweil er gerecht war, und unter ihnen wohnete, daß ers sehen und hören mußte, quäleten sie die gerechte Seele von Tag zu Tage mit ihren ungerechten Werken.
Joseph, Jacobs Sohn, war ein gehorsames Kind seiner Eltern, und ließ sich die Weisheit ziehen von Jugend auf. Aber, was für sehr wunderbare Fata mußte er nicht erfahren? Von allen seinen Brüdern wurde er um deswillen gehasset, und endlich gänzlich als ein Sclave verkaufet. In Aegypten mußte er, wegen seiner Keuschheit und wahren Furcht Gottes, ins Gefängniß geleget werden, und allerhand leiblichen Trübsalen unterworfen seyn. Und ob ihn Gott schon darauf erhöhete, wird es ihm doch niemals an Lästerungen der Menschen gemangelt haben, wenn sie gesehen, daß er alles nach der Art seiner Weisheit unter ihnen hat anrichten wollen.
Moses war nicht nur allein am königlichen Hofe in Aegypten in allerley Weltweisheit unterrichtet, sondern hatte auch dermaßen in der Schule der himmlischen Weisheit studieret, daß er, da er groß ward, die weltliche Thorheit einsehen lernete, und nicht mehr ein Sohn heissen wollte der Tochter Pharao, sondern erwählete viel lieber mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, denn die zeitliche Ergötzung der Sünden zu haben, und achtete die Schmach Christi für größern Reichthum, denn die Schätze Aegyptens; denn er sahe an die Belohnung Hebr. 11, 24. 25. 26. durch ihn gab nachmals Gott das Gesetz des Lebens und der Weisheit, daß er Jacob sollte den Bund lehren, und Israel seine Rechte. Sir. 45, 6. Was für wunderliche Fata ihm aber hiebey begegnet sind, das wird ein jeder mit Erstaunen weitläuftig in seinen Büchern lesen, und sich nicht verwundern dürfen, warum zu allen Zeiten und auch noch heute zu Tage die allerweisesten Leute, die allerwunderbarsten Führungen von Gott erfahren, und der Welt ein rechtes Schauspiel seyn müssen.
Hiob war ein solcher weiser und frommer Mann, daß seines gleichen dazumal im Lande nicht war; wie Gott selbst ihm dies Zeugniß gab, als er zum Satan sprach: Hast du nicht Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? denn es ist seines gleichen nicht im Lande, schlecht und recht, gottesfürchtig und meidet das Böse, Job. 1, 8. 2, 3. alle seine Reden zeugen von seiner großen Weisheit, und von einem tiefen Verstande, so bey ihm gewesen ist. Was begegnete ihm aber hierbey? Gott gab dem Satan die Macht, ihn auf allerley Art und Weise zu plagen und zu ängstigen. Hiernebst mußte er von seinen Blutsfreunden ein Wäscher und Schwätzer genannt werden, wie Zophar zu ihm saget im 11, 2. 3. Wenn einer lange geredet, muß er nicht auch schweigen? muß denn ein Wäscher immer Recht haben? Müssen die Leute deinem großen Schwätzen schweigen, daß du spottest, und niemand dich beschäme.
David war ein Mann nach dem Herzen Gottes, und hatte in dem Wort Gottes die rechte Weisheit gefunden, wie er selbst spricht in seinem Psalm 119, 98. 99. 100. du machest mich mit deinem Gebot weiser, denn meine Feinde sind, denn es ist ewiglich mein Schatz. Ich bin gelehrter denn alle meine Lehrer, denn deine Zeugnisse sind meine Rede. Ich bin klüger denn die Alten, denn ich halte deine Befehle. Je angenehmer er aber bey Gott war, und je größere Weisheit er hatte; je wunderbarere Fata mußte er auch erfahren: Wie man solches durchgehends, sowohl in seiner Historie, als auch in allen seinen Psalmen, ersehen kann. Sonderlich mußte er die große Antipathie zwischen ihm und den weltklugen Menschen erfahren, wie diese nämlich, nach der Art ihrer irdischen Weisheit, ihn wegen seiner himmlischen Weisheit, auf allerhand Weise zu verfolgen, und sein Thun zu lästern gepfleget; ohnerachtet, er ihr Herr und König war. Dahero sagt er in dem Psalm 109, 25. Ich muß ihr Spott seyn, wenn sie mich sehen, schütteln sie ihren Kopf. Und im Psalm 119, 51. die Stolzen haben ihren Spott an mir, dennoch weiche ich nicht von deinem Gesetze. Item Psalm 31, 14. viel schelten mich übel, daß jedermann sich vor mir scheuet, sie rathschlagen mit einander über mich, und denken mir das Leben zu nehmen.
Von Daniel und seinen Gesellen lesen wir, daß der König Nebucadnezar sie in allen Stücken zehenmal klüger und verständiger erfunden habe, denn alle Sternseher und Weisen in seinem ganzen Lande, Dan. 1, 20. denn Gott gab ihnen Kunst und Verstand in allerley Schrift und Weisheit. v. 17. aber was für wunderliche Proceduren mußten sie nicht ausstehen? Daniel wurde um deswillen von allen königlichen Bedienten und weltweisen Leuten auf das allerheftigste verfolget und angefeindet, wie es heißet in dem 6, 3 sqq. Daniel übertraf die Fürsten und Landvögte alle, denn es war ein hoher Geist in ihm, darum gedachte der König ihn über das ganze Königreich zu setzen. Derohalben trachteten die Fürsten und Landvögte darnach, wie sie eine Sache zu Daniel fänden, die wider das Königreich wäre. Aber sie konnten keine Sache noch Uebelthat finden, denn er war treu, daß man keine Schuld noch Uebelthat an ihm finden konnte. Da sprachen die Männer: Wir werden keine Sache zu Daniel finden, ohne über seinem Gottesdienst. Da nahmen sie alsdann unter sich einen Rath, und brachten es so weit, daß Daniel vom Könige in den Löwengraben geworfen wurde.
Wie mußten nicht die weisen und heiligen Propheten in der Welt von jedermann verachtet, gehöhnet, verspottet und mit allerley Ungemach beleget werden; und zwar um keiner andern Ursache willen, als weil sie der Welt ihre Thorheit anzeigeten, und gern anstatt deren die rechte Weisheit anrichten wollten. Darum saget einer von ihnen: Ich bin zum Spott worden täglich, und jedermann verlacht mich. Denn seit ich geredt, gerufen und gepredigt habe, von der Plage und Verstörung, ist mir des Herrn Wort zum Spott worden täglich.
Es mußten dergleichen liebe Freunde Gottes und der himmlischen Weisheit oft mit großen Seufzen das Widersprechen ihres Volkes anhören, wenn es hieße: Nach dem Wort, das du im Namen des Herrn uns sagest, wollen wir dir nicht gehorchen, sondern wir wollen thun nach alle dem Wort, das aus unserm Munde gehet.
Und was widerfuhr nicht unserm liebsten Heilande Christo Jesu, der selbständigen Weisheit, der um keiner andern Ursache willen in die Welt gekommen war, als daß er die eingeführte Thorheit des Teufels zerstören, und das verlorne Bild der Weisheit bey den Menschen wieder anrichten möchte. Um des willen hätte man ja mit Lust und Freuden die Worte seines weisen Mundes hören, und selbigen gebührender maßen gehorsam seyn sollen: aber die Welt erzeigete an ihm gleich das Gegentheil, und wollte dergleichen Weisheit weder recht erkennen noch eingeführet haben; daher Christus selbsten saget: Johannes ist kommen, aß nicht, und trank nicht, so sagen sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: Siehe, wie ist der Mensch ein Fresser und ein Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Geselle? Und die Weisheit muß sich rechtfertigen lassen von ihren Kindern. Matth. 11, 18. 19.
Quelle: Wöchentliche Beyträge zur Beförderung der ächten Gottseligkeit.